Bürgerinitiative der Präfektur Pieria in Griechenland (Katerini)

Wie Dirk Pohlmann die Bürgerinitiative beschreibt:
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Das Hölderlin Zitat könnte das Motto der O Topos Mou Initiative sein – wenn sie deutsch wäre. Aber „Mein Ort“, wie O Topos Mou übersetzt heißt, ist prosaischer und griechisch. Selbsthilfe mit gesellschaftspolitischer Signalwirkung.

Griechenland wird seit 2010 von der längsten Wirtschaftskrise verwüstet, die je eine moderne Volkswirtschaft aushalten musste. Egal wer daran mehr Schuld trägt, die jahrzehntelang bestimmenden korrupten griechischen Politiker und Oligarchen, oder die verfehlte Politik der Troika und Euro-Gruppe, die Folgen trägt die breite Bevölkerungsmehrheit. In Griechenland herrschen für viele Menschen mittlerweile  Lebensbedingungen wie in der dritten Welt. Konkret: Arbeitslosigkeit, keine Krankenversicherung, keine Sozialversicherung und Mangelernährung.

O Topos Mou ist die lokale, konkrete Antwort auf diese Probleme, von den Betroffenen selbst, die dem Staat nicht mehr vertrauen und nicht auf ihn warten, weil er versagt hat und weiter versagt, auch unter der Syriza Regierung. O Topos Mou würde ein Deutschland als Bürgerinititative bezeichnet werden – und ist doch mehr. Eine selbst verwaltete Kooperative, ein Zusammenschluss von Betroffenen, die sich durch kluge Organisation am eigenen Schopf aus der Depression ziehen, die zu ihrer Lebenswirklichkeit geworden ist. Bei O Topos Mou haben die Menschen ihr Schicksal in die Hand genommen.

O Topos Mou sammelt und verteilt Lebensmittel und Medikamente an Bedürftige und nutzt dafür selbsterstellte, intelligente Internetprogramme. Als Gegenleistung müssen die Unterstützten 8 Stunden im Monat für die Initiative arbeiten. Die Mit-Arbeit ist eine Regel, die für alle gilt, die profitieren. Die Kooperative verteilt Schulsachen, leistet Hausaufgabenhilfe, bietet Computerkurse an und hat die Initiative „Ohne Zwischenhändler“ organisiert, bei der Waschmittel, Lebensmittel und andere Konsumgüter direkt als Kontingentbestellung vom Produzenten an die Verbraucher verkauft werden, was beiden nutzt. Die Kunden zahlen die Hälfte, die Produzenten kämpfen nicht mehr mit geplatzen Schecks und Überweisungen, sondern haben Bargeld in der Tasche. Alle sind glücklich – außer den Oligarchen, denen die Supermärkte mit den riesigen Gewinnspannen gehören, die viel höher sind als in Deutschland.

O Topos Mou funktioniert. In der Krise. Zugunsten der Menschen. Vorbei an den Zwischenhändlern und Politikern. „Mein Ort“ ist ein Leuchtturm im Orkan und gleichzeitig ein Rettungsboot für Schiffbrüchige. Es wäre naiv zu glauben, dass das allen gefällt.
Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird, weder in Griechenland, noch in Deutschland. Aber an manchen Orten kann man sie spüren. O Topos Mou ist einer dieser Orte. So könnte eine zukünftige Gesellschaft aussehen. Gerechter, engagierter, mitmenschlicher, besser organisiert – ein Erfolg, ein Fortschritt, der nicht auf Kosten der Mehrheit geht, sondern Hoffnung für uns alle bedeutet.
O Topos Mou, „Mein Ort“, das könnte auch für uns im reichen Deutschland gelten.
Wir können von dieser Initiative lernen. Könnte sie „Unser Ort“ werden?

Wie wir uns beschreiben („Satzung“)

Die Bürgerinitiative (ΕΟΔνΠ) wurde im September 2007  – kurz nach den verheerenden Waldbränden auf dem Peloponnes – gegründet. Sie ist eine offene Bürgerbewegung politisch unabhängig  und stellt eine Kontaktstelle verantwortlicher Menschen, die ehrenamtlich folgendes anbieten :

Information, Sensibilisierung und Rekrutierung der Bürger für folgende Themen: Umweltschutz, die Verbesserung der ökologischen, ökonomischen, politischen und sozialen Themen über soziale, wirtschaftliche und politische Dimension.

Durch ausgewählten Aktionen vereinen wir unsere Kräfte, um die Umwelt,  unsere Lebensquatitätsstandarts, die Qualität der Dienstleistungen, die vom Staat oder einer anderen Stelle vorgesehen sind, zu verteidigen

Außerdem kommen wir zusammen  und versuchen, mit allen geeigneten Mitteln, durch Information, das Bewusstsein der Menschen zu stärken und zu vereinen bei Themen, die die Menschenrechte betreffen.

Die Bürgerinitiative (BI) weigert sich als klassischer Verein, Verband oder NGO zu organisieren und hat keinen Vorstand oder Büros.

Seine Mitglieder sind gleichwertig, es gibt keine Organisationsebenen oder zeitlich zugeteilte Aufgaben. Die Gruppe ist offen für alle sensiblen Mitbürger, die gerne an Initiativen und Veranstaltungen teilnimmt. Als Mitglied der BI gilt der/die MitbürgerIn , der/die mit den allgemeinen Grundsätzen zustimmt und aktiv bei der Gestaltung und Ausführung von Entscheidungen sich beteiligt. Kleine Gruppen bestimmen und koordinieren abwechseln die Aktionen der BI.

Die Mitglieder kämpfen für den Aufbau einer Gesellschaft, die jede Art von Rassendiskriminierung  oder Diskriminierung aufgrund ethnischen Herkunft verurteilt. Eine Gesellschaft ohne Ausschlüsse, Einschränkungen oder Präferenzen aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Abstammung oder nationale Herkunft. Die Mitglieder verurteilen die  Verachtung gegenüber unseren Mitmenschen, die unterschiedliche phänotypische  und kulturelle Merkmale als andere Bürger haben und glauben, dass alle Menschen einander gleich sind. Die Mitglieder respektieren die  Menschenrechte und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens.

Die BI verfügt über keine finanzielle Mittel, weigert sich, Geld zu verwalten oder jegliche finanzielle Hilfe zu akzeptieren.

Die bei Aktionen anfallende materiellen Kosten werden von den eigenen Mitglieder oder von Dritten zur Verfügung gestellt.  Alle Aktionen sehen Sie  auf der Website www.otoposmou.gr (aktuell nur griechisch).

Festes Prinzip der BI ist die politischen Unabhängigkeit, die bisher sehr behütet wurde.

Die Organisationsausschüsse der Gruppen

  • Alle Teams starten von einer öffentlichen Aufforderung (10 Tagesfrist) an alle Bürger am Organisationsausschuss teilzunehmen
  • Im Organisationsausschuss dürfen keine Bürger teilnehmen, die parteipolitisch aktiv sind, Politiker, Stadträte oder Gewerkschafter sind.
  • Die Mitglieder der Organisationsausschüsse, die dreimal in Folge von den Sitzungen der Gruppe fern bleiben, gelten als nicht mehr interessiert und werden aus der Liste gelöscht.
  • Die Gruppen sind autonom und treffen ihre Entscheidungen nach dem Mehrheitsprinzip (50 + 1) der anwesenden Mitglieder des Organisationsausschusses.
  • In der Sitzungen der Organisationsausschüsse können alle Bürger ohne Ausnahme einbezogen werden, die  das Wort ergreifen wollen, um ihre Ansichten zu den Themen der Diskussion zum Ausdruck zu bringen. Sollte ein Problem eine Abstimmung benötigen, dürfen an dieser nur die Mitglieder des Organisationsausschusses teilnehmen.

Voluntary Action Group Pref. Pierias
November 2007 – Juli 2015